Der freie Wohnungsmarkt schreckt Fachkräfte ab. In Städten wie Tübingen finden Berufsanfänger kaum bezahlbare Wohnungen. Betriebe verlieren deshalb potenzielle Mitarbeiter, bevor diese ihren ersten Arbeitstag antreten. Die Antwort mancher Unternehmer: selbst bauen.
Tübingen macht es vor: Firmen kooperieren beim Wohnungsbau
In Tübingen haben sich Chefs kleiner und mittelgroßer Unternehmen zusammengetan. Gemeinsam bauen sie Wohnungen für Berufsanfänger und Geringverdiener. Das Modell setzt auf Kooperation statt auf Konkurrenz. Für einzelne Mittelständler wäre ein solches Projekt kaum finanzierbar.
Das Prinzip ist nicht neu. Schon ab 1872 baute die BASF in Ludwigshafen Werkswohnungen für ihre Beschäftigten. In den 1950er- und 1960er-Jahren entstand in Westdeutschland ein ganzes Netz solcher Unterkünfte. Volkswagen gründete 1953 eine eigene Wohnungsbaugesellschaft. Im Gründungsjahr entstanden allein in Wolfsburg 1.400 Werkswohnungen.
Dann verlor das Modell seinen Reiz. Der Wohnungsmarkt entspannte sich, Großunternehmen verkauften ihren Bestand. Die Werkswohnung galt als Relikt einer vergangenen Zeit.
Wohnungsnot und Fachkräftemangel treffen zusammen
Jetzt kehrt das Modell zurück, und zwar aus handfesten wirtschaftlichen Gründen. Das Bundesbauministerium stellt klar: Der Mangel an bezahlbarem Wohnraum erschwert die schnelle Einstellung von Auszubildenden und Fachkräften. Besonders betroffen sind wirtschaftsstarke Regionen mit angespanntem Wohnungsmarkt. Baden-Württemberg gehört dazu.
Für viele Betriebe ist die Rechnung einfach: Eine günstige Wohnung kostet Geld, aber ein unbesetzter Arbeitsplatz kostet mehr. Der Wohnraum wird damit zum Teil des Vergütungspakets.
Nicht nur Neubauten sind eine Lösung
Unternehmen müssen nicht zwingend neu bauen. Sie können bestehende Wohnungen am Markt anmieten und diese vergünstigt an Mitarbeiter weitergeben. Manche Betriebe kaufen Bestandsimmobilien und sanieren sie. Experten betonen: Der Weg zum Mitarbeiterwohnen führt über verschiedene Modelle.
Der Staat fördert diesen Trend. Im Rahmen der sozialen Wohnraumförderung können Unternehmen Unterstützung beantragen, wenn sie preiswerte Mietwohnungen für Beschäftigte bereitstellen. Verbände fordern darüber hinaus weitere steuerliche Anreize vom Gesetzgeber.
Baden-Württemberg: Hoher Druck, pragmatische Antworten
Die Situation im Südwesten ist besonders angespannt. Stuttgart, Freiburg, Heidelberg und Tübingen zählen zu den teuersten Mietmärkten Deutschlands. Gerade junge Fachkräfte und Auszubildende können sich die Mieten dort kaum leisten.
Für Mittelständler in der Region ist das ein konkretes Problem im Alltag. Bewerber sagen Stellen ab, weil sie keine Wohnung finden. Betriebe reagieren pragmatisch. Sie stellen Wohnungen bereit, um überhaupt konkurrenzfähig zu bleiben.
Ein Modell mit Grenzen
Das Werkswohnungsmodell löst das strukturelle Problem nicht. Es ist eine unternehmerische Reaktion auf ein staatliches Versagen im Wohnungsbau. Kritiker weisen darauf hin, dass Mitarbeiter in einer Werkswohnung vom Arbeitgeber doppelt abhängig werden: beim Job und beim Dach über dem Kopf. Verlieren sie die Stelle, verlieren sie auch die Wohnung.
Trotzdem wächst das Interesse. Unternehmen in Köln, Wolfsburg und nun auch verstärkt in Baden-Württemberg setzen auf das Modell. Was jahrzehntelang als überholt galt, erweist sich als praktische Antwort auf zwei gleichzeitige Krisen.
Fazit: Eigeninitiative als Notlösung
Betriebe in Baden-Württemberg übernehmen Aufgaben, die eigentlich der Staat lösen müsste. Die Werkswohnung ist kein Zeichen von Stärke. Sie ist ein Zeichen dafür, dass der Wohnungsmarkt und die Fachkräftesicherung gleichzeitig unter Druck stehen. Solange sich daran nichts ändert, werden mehr Unternehmen diesen Weg gehen.
