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634.000 zusätzliche Vollzeitstellen könnten entstehen. Diese Zahl steht im Mittelpunkt einer neuen Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft (IW). Die Forscher haben berechnet, was passieren würde, wenn alle Teilzeitkräfte im öffentlichen Dienst auf Vollzeit aufstocken. Das Ergebnis trifft einen der drängendsten Probleme des deutschen Staates: den Personalmangel.
Die Rechnung des IW
Grundlage der Studie ist die offizielle Personalstatistik des öffentlichen Dienstes. Das IW hat Beschäftigte bei Bund, Ländern und Kommunen erfasst. Viele davon arbeiten in Teilzeit. Würden diese Kräfte vollständig auf Vollzeit wechseln, entstünde ein rechnerisches Arbeitsvolumen von 634.000 zusätzlichen Vollzeitstellen. Das entspricht nach Angaben der Forscher fast exakt der Lücke, die der öffentliche Dienst derzeit beklagt.
Die Studie macht damit deutlich: Das Problem ist kein reiner Mangel an Menschen, sondern auch ein Mangel an geleisteten Arbeitsstunden. Neue Fachkräfte lassen sich nicht schnell ausbilden. Arbeitszeiten könnten sich kurzfristiger anpassen lassen.
Schulen im Fokus, Süden besonders betroffen
Das rechnerische Potenzial ist laut IW an Schulen besonders hoch. Lehrkräfte arbeiten überdurchschnittlich häufig in Teilzeit, was den Bildungsbereich zur größten Stellschraube macht. Der Lehrermangel ist in Deutschland politisch seit Jahren ein belastetes Thema.
Geografisch hebt die Studie den Süden Deutschlands hervor. Baden-Württemberg gehört zu den Regionen, in denen das Teilzeitpotenzial besonders groß ist. Die Lücke zwischen tatsächlich geleisteter Arbeit und möglicher Vollzeitarbeit ist dort vergleichsweise hoch.
Kritik aus der Praxis
Nicht alle teilen die Einschätzung des IW. Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) bezeichnete die Schlussfolgerungen als Milchmädchenrechnung. Die Kritik zielt auf einen wesentlichen Punkt: Die Studie rechnet mit einem Szenario, das in der Realität kaum umsetzbar ist. Nicht jede Teilzeitkraft kann oder will auf Vollzeit wechseln. Viele reduzieren ihre Stunden aus persönlichen Gründen, etwa wegen Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen.
Das IW räumt selbst ein, dass das Szenario theoretischer Natur ist. Es handle sich um eine rechnerische Schätzung. Ziel sei es, das Potenzial sichtbar zu machen, nicht einen politischen Sofortbefehl zu formulieren. Die Studie wirft dennoch die Frage auf, welche Hindernisse Vollzeitarbeit im öffentlichen Dienst erschweren und wo Anreize gesetzt werden könnten.
Was die Studie für Baden-Württemberg bedeutet
Baden-Württemberg kämpft wie andere Bundesländer mit Engpässen im öffentlichen Dienst. Lehrermangel, fehlende Verwaltungskräfte und unbesetzte Stellen in Kommunen sind reale Probleme. Die IW-Studie bietet eine neue Perspektive auf diese Herausforderungen.
Statt ausschließlich auf Zuwanderung oder Ausbildungsoffensiven zu setzen, könnte das Land prüfen, welche Bedingungen Teilzeitkräfte zur Aufstockung bewegen könnten. Flexible Arbeitszeiten, bessere Kinderbetreuungsangebote oder finanzielle Anreize kämen als Hebel in Frage.
Fazit
Die IW-Studie stellt eine unbequeme Frage: Warum sucht der Staat neue Fachkräfte, wenn vorhandene Beschäftigte weniger arbeiten als möglich? Die Antwort ist komplex, die Frage aber berechtigt. Baden-Württemberg sollte die Daten ernst nehmen und konkrete Maßnahmen prüfen, um Teilzeitkräfte zur freiwilligen Aufstockung zu motivieren. Eine vollständige Lösung des Personalproblems ist das nicht, aber ein möglicher Teil davon.
