Durchbruch in der Stoffwechselforschung
Forschende der Universitäten Köln und Stuttgart haben ein bislang unbekanntes Abwehrsystem in Fettzellen identifiziert. Dieses natürliche Schutzprogramm könnte erklären, warum manche Menschen trotz Adipositas oder Diabetes eine vergleichsweise stabile Stoffwechselgesundheit behalten, während andere schwerwiegende Folgeerkrankungen wie Fettleber oder Diabetes entwickeln. Die Ergebnisse der Studie wurden unter dem Titel „Linear ubiquitination prevents lipodystrophy and obesity-associated metabolic syndrome“ im renommierten Fachjournal Science Advances veröffentlicht.
Fettzellen können sich selbst schützen
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht ein bislang kaum beachteter Mechanismus: Fettzellen verfügen über ein eigenes Überlebensprogramm, das sie unter Stressbedingungen vor dem Absterben schützt. Wenn dieser Schutz versagt, sterben die Zellen ab, was zu Gewebeschäden, chronischen Entzündungen und schweren Stoffwechselerkrankungen führen kann. Dieser Prozess ist nicht nur für Menschen mit Fettleibigkeit von Bedeutung, sondern auch für Patient*innen mit seltenen Fettgewebserkrankungen, sogenannten Lipodystrophien.
LUBAC als Schlüsselfaktor
Ausgelöst wird dieser Schutzmechanismus durch den Linear Ubiquitin Assembly Complex (LUBAC). Dieser Proteinkomplex sorgt dafür, dass Fettzellen auch unter widrigen Bedingungen intakt bleiben. Solange LUBAC aktiv ist, überleben die Fettzellen und erfüllen ihre Funktionen – insbesondere den Schutz von Organen wie der Leber. Bricht dieser Mechanismus jedoch zusammen, verliert der Körper gesundes Fettgewebe, was wiederum das Risiko für Diabetes, Fettlebererkrankungen und weitere Stoffwechselprobleme erhöht.
Bedeutung im Alterungsprozess
Die Forschenden konnten außerdem zeigen, dass der Mechanismus nicht nur bei Übergewicht oder Diabetes eine Rolle spielt, sondern auch während des Alterungsprozesses. Mit zunehmendem Alter baut das Fettgewebe ab, was zur Entstehung altersbedingter Stoffwechselerkrankungen beiträgt. In experimentellen Modellen gelang es jedoch, durch die Blockierung des Hauptsignals für das Absterben der Fettzellen diese negativen Effekte zu verhindern – selbst bei einer stark fettreichen Ernährung. Eine Analyse von über 1.000 adipösen Patient*innen bestätigte die Ergebnisse: Menschen mit einem aktiven Schutzmechanismus in ihren Fettzellen wiesen gesündere Lebern und eine bessere Blutzuckerkontrolle auf.
Globale Relevanz für Millionen Betroffene
Weltweit sind mehr als 650 Millionen Menschen von Adipositas betroffen. Diese chronische Erkrankung gilt als eine der Hauptursachen für Typ-2-Diabetes, Fettleber und andere metabolische Krankheiten. Die Entdeckung des natürlichen Abwehrsystems der Fettzellen eröffnet neue Wege, um diese Gesundheitsprobleme besser zu verstehen und möglicherweise zukünftig zu verhindern. „Unsere Arbeit zeigt, dass Fettzellen mehr sind als passive Speicherorgane – sie sind aktive Wächter der Gesundheit“, betont Prof. Dr. Nieves Peltzer, leitende Autorin der Studie.
Neue Perspektiven für Therapie und Prävention
Die Erkenntnisse haben weitreichende Bedeutung: Sie könnten nicht nur Menschen mit Adipositas und Diabetes helfen, sondern auch Patient*innen mit seltenen Fettgewebsstörungen sowie älteren Menschen, deren Fettgewebe natürlicherweise abnimmt. „Dass Fettzellen in der Lage sind, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren und sich aktiv zu schützen, ist ein völlig neuer Blickwinkel“, erklärt die Erstautorin Ximena Hildebrandt. „Dieser Mechanismus könnte langfristig dabei helfen, Präventions- und Behandlungsstrategien zu entwickeln, die die Gesundheit von Millionen Menschen weltweit verbessern.“
