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Der Verkauf statt der Fortführung wird für viele Unternehmensnachfolger in Deutschland zur bevorzugten Option. Der Trend trifft den Mittelstand direkt und wirft Fragen über die künftige Struktur der deutschen Unternehmenslandschaft auf. Noch 2020 lag der Anteil der Nachfolger, die einen Verkauf bevorzugten, bei 14,4 Prozent. Seitdem hat sich dieser Anteil mehr als verdoppelt.
Ein strukturelles Problem, kein Einzelfall
Rainer Kirchdörfer, Vorstand der Stiftung Familienunternehmen und Politik, beobachtet die Entwicklung mit Sorge. Er bezeichnet die Lage ausdrücklich als mehr als ein theoretisches Warnsignal. Die Zahlen belegen: Der Wunsch, Familienunternehmen in der Familie zu halten, schwindet. Das hat strukturelle Ursachen.
Einer der Hauptgründe ist die Komplexität moderner Unternehmensführung. Gerade in Branchen wie dem Maschinenbau und der Automobilzulieferindustrie ist der Transformationsdruck hoch. Viele potenzielle Nachfolger scheuen das Risiko und entscheiden sich lieber für Liquidität als für Verantwortung.
Die konjunkturelle Lage kommt erschwerend hinzu. Im ersten Quartal 2026 verzeichnete die Südwest-Wirtschaft nur schwaches Wachstum. Autobranche und Maschinenbau verloren Arbeitsplätze. Für Unternehmensnachfolger sind das keine ermutigenden Rahmenbedingungen.
Baden-Württemberg besonders betroffen
Das Land ist eine Hochburg des familiengeführten Mittelstands. Viele der weltbekannten Hidden Champions haben hier ihre Wurzeln. Genau deshalb wiegt der Trend zum Verkauf hier besonders schwer.
Das Beispiel ebm-papst aus Mulfingen zeigt, wohin die Entwicklung führen kann. Der traditionsreiche Familienkonzern wurde an einen US-Investor verkauft. Die Belegschaft befürchtet kulturelle Veränderungen. Das Stichwort lautet: Hire and Fire statt Familienkultur.
Solche Übernahmen durch externe, oft internationale Investoren sind kein Einzelfall mehr. Strategische Käufer aus dem Ausland, Private-Equity-Gesellschaften und Konzerne stehen bereit und nutzen die Nachfolgelücke gezielt aus.
Weibliche Führungskräfte als unterschätztes Potenzial
Eine Studie der AllBright Stiftung zeigt: Deutsche Familienunternehmen schöpfen ihr Potenzial an weiblichen Führungskräften nicht aus. Frauen sind in Führungspositionen deutlich unterrepräsentiert.
Das ist auch eine Frage der Nachfolge. Werden potenzielle Kandidatinnen systematisch übersehen, verengt sich der Kreis möglicher Nachfolger weiter. Die Folge: Noch mehr Unternehmen landen auf dem Markt.
Politik unter Druck
Wirtschaftsverbände aus Bayern und Baden-Württemberg haben Bundeskanzler Friedrich Merz in einem Brandbrief zur Handlung aufgefordert. Die Forderung lautet: Versprechen einlösen, jetzt handeln. Konkret geht es um bessere steuerliche Rahmenbedingungen, weniger Bürokratie und verlässliche Standortpolitik.
Ohne attraktive Bedingungen wird es für Nachfolger noch unattraktiver, ein Unternehmen weiterzuführen. Die Standortfrage und die Nachfolgefrage hängen eng zusammen.
Fazit
Der Trend zum Unternehmensverkauf unter Nachfolgern ist kein vorübergehendes Phänomen. Er ist das Ergebnis aus wirtschaftlichem Druck, fehlender Unterstützung und unzureichender Nachfolgeplanung. Für Baden-Württemberg, dessen Stärke auf dem Mittelstand beruht, ist das eine ernste Warnung. Politik und Unternehmen müssen gegensteuern. Andernfalls riskiert Deutschland einen schleichenden Ausverkauf seines wirtschaftlichen Fundaments.
