Der Stuttgarter Energiekonzern EnBW gehört zu den größten Treibern der Offshore-Windkraft in Deutschland. Jetzt kommt aus eben diesem Konzern ein ungewöhnliches Signal: EnBW-Chef Andreas Schell fordert die Bundesregierung auf, ihre Ausbauziele für Windkraft in Nord- und Ostsee zu überdenken. Weniger könnte in diesem Fall mehr sein.
Hohe Kosten bremsen den Offshore-Ausbau
Die Offshore-Windkraft gilt als zentraler Baustein der deutschen Energiewende. Doch der Ausbau auf See ist teuer. Fundamente, Kabel, Wartung und Logistik auf dem Wasser treiben die Projektkosten massiv in die Höhe. Die Technik wird nicht günstiger, sondern komplexer.
Genau hier setzt Schells Kritik an. Der EnBW-Chef argumentiert, dass die aktuellen Ausbauziele der Bundesregierung an der wirtschaftlichen Realität vorbeigehen. Projekte auf See seien unter den gegenwärtigen Bedingungen kaum noch rentabel zu realisieren. Das belastet Investoren und gefährdet die Finanzierung neuer Anlagen.
EnBW selbst hat in den vergangenen Jahren massiv in Offshore-Wind investiert. Der Konzern betreibt und entwickelt mehrere Windparks in der Nord- und Ostsee. Die Erfahrung aus diesen Projekten prägt Schells Einschätzung.
Bundesregierung hält an hohen Zielen fest
Die Bundesregierung hat für Offshore-Windkraft ambitionierte Ausbauziele formuliert. Bis 2030 sollen Kapazitäten von 30 Gigawatt installiert sein, bis 2035 sogar 40 Gigawatt. Diese Ziele sollen den Strombedarf einer wachsenden Zahl von Elektrofahrzeugen, Wärmepumpen und Industrieanlagen decken.
Schell stellt nicht den Ausbau der Windkraft grundsätzlich infrage. Er fordert eine Korrektur der Ziele, die der wirtschaftlichen Machbarkeit besser Rechnung trägt. Unrealistische Vorgaben führten letztlich dazu, dass Projekte nicht realisiert werden. Das Ergebnis wäre dasselbe wie eine Zielverfehlung aus anderen Gründen.
Onshore als Alternative zum Offshore-Ausbau
Windkraft an Land ist in vielen Regionen deutlich günstiger zu errichten als auf See. Genehmigungsverfahren dauern zwar auch an Land oft viele Jahre. Dennoch sind die reinen Baukosten für Onshore-Anlagen erheblich geringer.
Eine mögliche Konsequenz aus Schells Forderung wäre eine stärkere Verlagerung des Ausbaus auf Windkraft an Land. Das würde jedoch andere Herausforderungen mit sich bringen: Akzeptanzprobleme in der Bevölkerung, knappe Flächen und lange Genehmigungszeiten bremsen auch den Onshore-Ausbau.
Signalwirkung aus Stuttgart
Dass ausgerechnet ein Energiekonzern, der selbst stark in Offshore-Wind investiert ist, eine Reduzierung der Ausbauziele fordert, hat Signalwirkung. EnBW ist kein kleiner Akteur. Der Konzern mit Sitz in Stuttgart gehört zu den vier größten deutschen Energieversorgern.
Schells Vorstoß dürfte in der Branche und in Berlin aufmerksam zur Kenntnis genommen werden. Andere Energieunternehmen stehen vor ähnlichen wirtschaftlichen Herausforderungen bei Offshore-Projekten. Die Frage, ob die deutschen Ausbauziele realistisch sind, beschäftigt die gesamte Branche.
Die Politik steht vor einem Dilemma. Wer die Ziele senkt, riskiert Kritik an mangelndem Klimaschutztempo. Wer die Ziele beibehält, riskiert, dass Projekte schlicht nicht finanzierbar sind und damit nicht gebaut werden.
Realismus statt Rekordmarken
Der Ruf des EnBW-Chefs nach einer Korrektur der Offshore-Ziele ist kein Angriff auf die Energiewende, sondern ein Plädoyer für wirtschaftlichen Realismus. Ziele, die nicht erreichbar sind, schaden der Energiewende mehr als sie nützen. Die Bundesregierung müsste die Ausbaupläne einer kritischen Überprüfung unterziehen. Ambition und Machbarkeit klaffen derzeit auseinander.
