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Europas größtes KI-Forschungskonsortium steht vor einer strategischen Entscheidung. Das Cyber Valley in Tübingen, vor zehn Jahren gegründet, hat sich als international anerkannter Forschungsstandort etabliert. Doch der Wettbewerb um die besten Köpfe ist hart. Nordamerika und Asien locken mit deutlich höheren Gehältern und besseren Ressourcen.
Zehn Jahre Forschung, gemischte Bilanz
Das Cyber Valley wurde 2016 gegründet. Die Zentrale liegt auf der Oberen Viehweide in Tübingen. Das Konsortium verbindet Universitäten, außeruniversitäre Forschungseinrichtungen und Industriepartner. Ziel war es von Anfang an, Deutschland als KI-Standort zu stärken.
Tübingen gehört zu den führenden KI-Forschungsstandorten Europas. Veröffentlichungen aus dem Konsortium werden international zitiert. Ministerpräsident Cem Özdemir besuchte das Konsortium anlässlich des Jubiläums persönlich. Tübingens Oberbürgermeister Boris Palmer appellierte dabei öffentlich an Politik und Wirtschaft.
Die andere Seite der Bilanz ist weniger positiv. Der Transfer von Forschungsergebnissen in marktreife Produkte läuft schleppend. Viele Startups, die aus dem Cyber Valley hervorgehen, verlegen ihren Sitz ins Ausland. Das Geld folgt den Ideen, nicht umgekehrt.
Abwanderung als strukturelles Problem
Das Problem ist nicht neu. Junge Forschende absolvieren ihre Promotion in Tübingen, sammeln Erfahrung und verlassen dann Deutschland. Die USA, Kanada und Großbritannien bieten attraktivere Bedingungen. Risikokapital fließt dort leichter. Bürokratie ist geringer. Gehälter in der Industrie liegen oft deutlich höher.
Das Fraunhofer IPA in Stuttgart hat das Potenzial KI-basierter Robotik untersucht. Die Ergebnisse zeigen: Deutschland hat exzellente Grundlagenforschung. Der Schritt zur Anwendung gelingt aber nur selten im Inland.
Bayern investiert 1,6 Millionen Euro, um Forschende aus München und Cambridge in Robotik und KI zusammenzubringen. Sachsen baut gezielt eine Robotik-Hochburg auf. Der Wettbewerb um Talente findet zwischen Deutschland und dem Ausland statt, aber auch zwischen den deutschen Bundesländern.
Physical AI als neue Chance
Ein Forschungsfeld gewinnt an Bedeutung: Physical AI, auch Embodied AI genannt. Dabei geht es um KI-Systeme, die in der physischen Welt agieren. Humanoide Roboter sind das bekannteste Beispiel. Dieser Bereich verbindet klassische Robotik mit modernen KI-Methoden.
Das Cyber Valley ist gut positioniert, um in diesem Feld eine Rolle zu spielen. Die Nähe zur Universität Tübingen und zum Max-Planck-Institut für Intelligente Systeme schafft gute Voraussetzungen. Potenzial allein reicht aber nicht. Es braucht auch Strukturen, die Forschende im Land halten.
Was Tübingen braucht, um Talente zu halten
Die Debatte beim Jubiläum drehte sich genau um diese Frage: Wie schafft man Bedingungen, unter denen junge Forschende den Schritt in die Anwendung wagen, ohne Deutschland verlassen zu müssen?
Erstens braucht es mehr Risikokapital. Deutsche Wagniskapitalgeber sind im europäischen Vergleich zurückhaltend. Gerade in frühen Phasen fehlt Geld für Deeptech-Startups. Zweitens müssen Ausgründungsverfahren einfacher werden. Universitäten halten oft an Verwertungsrechten fest, die Gründungen bremsen. Drittens zählt das Gehaltsgefüge. Die öffentliche Forschung kann mit der Privatwirtschaft nicht mithalten. Das ist strukturell bedingt, aber lösbar.
Die Initiative Wirtschaft digital BW arbeitet branchenübergreifend an der Digitalisierung der Wirtschaft im Land. Sie könnte eine Brücke zwischen Forschung und Unternehmen schlagen. Bislang ist diese Verbindung zu schwach.
Fazit
Das Cyber Valley ist eine wissenschaftliche Erfolgsgeschichte. Als Wirtschaftsmotor funktioniert es noch nicht in vollem Umfang. Die Forschungsqualität ist unbestritten. Die Verwertung bleibt die offene Flanke. Tübingen hat zehn Jahre gezeigt, dass es Talente anzieht. Die nächste Aufgabe ist, sie zu halten.
