Das Handwerk in Baden-Württemberg steckt in einer tiefen Krise. Die aktuelle Geschäftslage wird von den Betrieben so schlecht bewertet wie seit dem Ausbruch der Corona-Pandemie nicht mehr. Das ist das Ergebnis der jüngsten Konjunkturerhebung des Verbands Handwerk BW. Verbandspräsident Rainer Reichhold sprach in Stuttgart von massivem Druck auf viele Unternehmen im Land.
Tiefstand bei der Geschäftslage
Nur noch wenige Betriebe im Südwesten zeigen sich mit ihrer wirtschaftlichen Situation zufrieden. Der Anteil der Unternehmen mit positiver Lageeinschätzung ist deutlich gesunken. Damit hat sich die Stimmung auf einem Niveau eingependelt, das zuletzt im Frühjahr 2020 erreicht wurde.
Bundesweit zeichnet sich ein ähnliches Bild ab. Der von der Auskunftei Creditreform erhobene Geschäftslageindex für das Handwerk liegt aktuell bei 45,8 Punkten. Im Jahr 2024 waren es noch 48,3 Punkte. Im Vor-Corona-Jahr 2019 lag der Wert bei 76,6 Punkten. Das entspricht einem Einbruch um mehr als 30 Punkte innerhalb weniger Jahre.
Bau und Ausbau als Hauptproblem
Besonders stark leidet das Bau- und Ausbauhandwerk. Diese Gewerke gelten bundesweit als wichtigster Treiber der schlechten Konjunktur im Handwerk. Hohe Materialkosten, eine schwache Nachfrage und stornierte Aufträge belasten die Betriebe. Der Wohnungsbau stagniert. Öffentliche Investitionen laufen schleppend an.
Für viele kleinere Handwerksbetriebe bedeutet das: weniger Aufträge, sinkende Auslastung, wachsender Kostendruck. Besonders Betriebe ohne finanzielle Rücklagen geraten in Schwierigkeiten. Die Zahl der Insolvenzen im Handwerk steigt. Das ist eine direkte Folge der anhaltenden Flaute.
Reichhold fordert politisches Handeln
Verbandspräsident Reichhold machte deutlich, dass die Betriebe dringend Entlastung brauchen. Er forderte konkrete Maßnahmen von der Politik. Dazu zählen schnellere Genehmigungsverfahren, geringere Bürokratiebelastung und bessere steuerliche Rahmenbedingungen für Investitionen.
Baden-Württemberg ist ein starkes Handwerksland. Rund 190.000 Handwerksbetriebe sind im Südwesten ansässig. Sie beschäftigen Hunderttausende Menschen und bilden das Rückgrat der regionalen Wirtschaft. Umso schwerer wiegen die aktuellen Signale.
Keine schnelle Erholung in Sicht
Die Umsatzprognosen der Betriebe sind nicht mehr ganz so pessimistisch wie im Vorjahr. Eine spürbare Erholung erwartet das Handwerk dennoch nicht in naher Zukunft. Die strukturellen Probleme sind zu tiefgreifend, als dass sie sich kurzfristig lösen ließen.
Fachkräftemangel, hohe Energiekosten und eine gedämpfte Konsumnachfrage belasten die Branche weiterhin. Viele Betriebsinhaber berichten, dass sie Investitionen verschieben. Das bremst auch die Modernisierung des Handwerks.
Fazit: Strukturelle Krise braucht strukturelle Antworten
Das Handwerk in Baden-Württemberg steckt nicht in einer vorübergehenden Delle. Es steckt in einer strukturellen Krise. Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Der Absturz beim Geschäftslageindex innerhalb von wenigen Jahren ist dramatisch. Politik und Wirtschaft sind gefordert, rasch zu handeln. Sonst droht einem zentralen Wirtschaftsbereich im Südwesten dauerhafter Schaden.
