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Kapitän zur See Michael Giss spricht klar. Zu klar für manchen Zuhörer. Der Kommandeur des Landeskommandos Baden-Württemberg der Bundeswehr stellt Unternehmensvertretern aus dem Südwesten eine direkte Frage: Was tun Sie, wenn keine Ware mehr kommt? Die Reaktionen zeigen, dass viele Betriebe darauf keine Antwort haben.
Hybride Bedrohungen treffen Lieferketten zuerst
Giss benennt die größte Wissenslücke klar: Bei Wirtschaft und Bevölkerung fehle das Verständnis für die aktuelle Bedrohungslage. Hybride Kriegsführung, so der Offizier, brauche keine klassischen Aufmarschgebiete. Angriffe auf Infrastruktur, Sabotage und Cyberattacken können Lieferketten lahmlegen, ohne dass ein einziger Soldat die Grenze überquert.
Der Südwesten ist eine Industrieregion mit dichten Liefernetzwerken. Automobilzulieferer, Maschinenbauer und Präzisionstechnikunternehmen hängen an globalen Warenketten. Ein Ausfall kann sich schnell durch die gesamte Produktionskette fressen. Puffer und Reservekapazitäten haben viele Betriebe nach Jahren der Lean-Produktion kaum noch.
Bundeswehr rückt stärker ins öffentliche Bild
Der Dialog zwischen Bundeswehr und Wirtschaft kommt nicht zufällig. Im September rollen dutzende Militärkolonnen durch Baden-Württemberg. Die Bundeswehr nutzt dabei ausdrücklich öffentliche Straßen. Bürger sollen sich an den Anblick militärischer Fahrzeuge gewöhnen. Die erhöhte Präsenz ist Teil einer bewussten Kommunikationsstrategie.
Parallel dazu versucht das Landeskommando, Unternehmen direkt anzusprechen. Die Botschaft ist dieselbe, die Giss mit drastischen Worten vermittelt: Der Krieg in der Ukraine ist geografisch nah. Die wirtschaftlichen Folgen eines Eskalationsszenarios wären es auch.
Rüstungsmilliarden kommen im Südwesten kaum an
Deutschland rüstet massiv auf. Die Verteidigungsausgaben sind seit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Jahr 2022 stark gestiegen. Doch Baden-Württemberg profitiert davon nur begrenzt. Eine Auswertung der Geschäftszahlen von 94 im Südwesten vertretenen Rüstungsunternehmen zeigt: Die Umsätze wachsen anderswo stärker.
Das ist ein Widerspruch. Baden-Württemberg gilt als Hochtechnologiestandort. Präzisionsmechanik, Elektronik und Fahrzeugtechnik sind genau die Bereiche, die Streitkräfte brauchen. Dennoch fließen Aufträge häufig an Unternehmen in anderen Bundesländern oder ins Ausland. Die Gründe: fehlende Zulassungen, zu wenig Erfahrung mit Rüstungsaufträgen und lange Vergabeverfahren.
Nicht nur Gewehre und Panzer
Rüstungsunternehmen im Südwesten stellen längst nicht mehr nur klassisches Kriegsgerät her. Fünf Beispiele aus der Region zeigen: Firmen liefern Kommunikationstechnik, Schutzausrüstung, Logistiksoftware und Sensorik. Das Spektrum ist breit. Doch auch in diesen Segmenten wächst der Umsatz langsamer als im Bundesdurchschnitt.
Beschaffung stockt trotz hoher Ausgaben
Selbst wo Geld vorhanden ist, hakt es. Bei mehreren Bundeswehr-Beschaffungsprojekten gibt es Verzögerungen und technische Probleme. Das Geld fließt, aber die Ausrüstung kommt nicht pünktlich. Für Unternehmen, die auf Rüstungsaufträge setzen wollen, ist das ein doppeltes Signal: Der Markt wächst, aber die Prozesse sind schwerfällig.
Mittelständler aus Baden-Württemberg stehen damit vor einer doppelten Herausforderung. Einerseits sollen sie ihre eigene Resilienz stärken. Andererseits sind Rüstungsaufträge eine Einnahmequelle, die bisher kaum erschlossen ist.
Weckruf mit wirtschaftlicher Dimension
Michael Giss liefert keinen Vortrag über Geopolitik. Er stellt konkrete betriebswirtschaftliche Fragen. Was passiert, wenn ein Lieferant ausfällt? Wie lange reichen die Lagerbestände? Welche Ausweichoptionen gibt es? Das sind Fragen, die jeder Unternehmer beantworten können sollte, unabhängig von Krieg oder Frieden.
Die Bundeswehr versteht sich dabei als Partner, nicht als Mahner. Doch der Ton macht die Musik. Und der ist in Baden-Württemberg gerade deutlich rauer geworden.
