Wer in Deutschland von beruflicher Neuorientierung spricht, meint meistens eines von zwei Dingen: die Kündigung mit anschließender Umschulung oder den Sprung in die Selbstständigkeit. Es gibt aber mehr Möglichkeiten, und einige davon sind deutlich leichter zu erreichen. Daniel Gerlach unterscheidet auf seiner Website vier Formen, die eine zweite Karriere annehmen kann. Mindestens zwei davon kommen ohne Kündigung aus, und gerade sie machen den Schritt für Menschen mit Familie und laufendem Kredit gut machbar.
Was Gerlach unter einer zweiten Karriere versteht
Der Begriff ist nicht geschützt und wird unterschiedlich verwendet. Im Sport meint er die Laufbahn nach dem Karriereende, in manchen Ratgebern den Nebenverdienst. Gerlach fasst ihn weiter. Auf seiner Seite steht auf die Frage, ob es immer um Selbstständigkeit gehe, ein klares Nein. Eine Zweitkarriere könne ein Branchenwechsel sein, eine neue Rolle, eine Portfolio-Karriere oder eine Selbstständigkeit. Welche Form passt, hänge vom Leben der Person ab, von ihrem Sicherheitsbedürfnis und von ihren Stärken.
Das Angebot von Zweitkarriere richtet sich an Menschen mit Berufserfahrung, die eine neue Richtung suchen und den sicheren Boden nicht vorschnell verlassen wollen. Gerlach begleitet sie nach eigener Beschreibung strukturiert und persönlich. Der Leitgedanke der Seite lautet: nicht neu anfangen, neu kombinieren. Was jemand in fünfzehn oder zwanzig Jahren gelernt hat, soll in der neuen Tätigkeit weiterverwendet werden.
Die vier Formen unterscheiden sich darin, wie viel vom Bisherigen bleibt und wie viel Neues dazukommt. Ein genauerer Blick lohnt sich, weil die Wahl der Form oft wichtiger ist als die Wahl des Berufs.
Der Branchenwechsel
Beim Branchenwechsel bleibt die Tätigkeit ähnlich, das Umfeld wird ein anderes. Die Controllerin aus dem Maschinenbau geht zu einem Energieversorger. Der Vertriebsleiter aus der Verpackungsindustrie wechselt zu einem Softwarehaus. Das Fachwissen über Produkte muss neu aufgebaut werden, die Methoden und die Erfahrung im Umgang mit Kunden, Zahlen und Teams bleiben.
Für Beschäftigte in Branchen, die sich stark verändern, ist das die naheliegendste Form. In Baden-Württemberg gilt das für viele, die bei Zulieferern arbeiten und ihr Können künftig in einem wachsenden Feld einsetzen möchten. Ein Branchenwechsel verlangt keine neue Ausbildung. Es genügt, die eigene Erfahrung so zu beschreiben, dass sie außerhalb der eigenen Branche verstanden wird. Wer die Fachbegriffe seines Betriebs in allgemein verständliche Leistungen übersetzt, wird für Arbeitgeber aus ganz anderen Bereichen interessant.
Gerlach beschreibt diese Lage als eine von drei typischen Ausgangslagen: Man kann viel und tut sich schwer zu benennen, was davon zählt. Zweitkarriere übersetzt die Erfahrung in ein klares Profil, das auch außerhalb der bisherigen Rolle trägt.
Die neue Rolle
Die zweite Form ist die unauffälligste. Branche und manchmal sogar der Arbeitgeber bleiben, die Aufgabe ändert sich. Auf der Website gibt es dazu ein Beispiel, das der Anbieter als beispielhaften Weg ohne Erfolgsversprechen kennzeichnet. Eine Leitung im Einzelhandel, 46 Jahre alt, mit hoher Verantwortung und wenig Gestaltungsspielraum, prüft die Richtung Operations und Kundenerlebnis. Der erste Test besteht aus zwei Praxisinterviews und einem internen Pilotprojekt.
Dass der Test intern stattfindet, zeigt, wie nah die neue Rolle liegen kann. Für Unternehmen ist diese Form übrigens die günstigste. Ein erfahrener Mitarbeiter, der im Haus eine neue Aufgabe findet, nimmt sein Wissen nicht mit zur Konkurrenz. Für Personalabteilungen sind solche internen Wechsel eine gute Gelegenheit, erfahrene Leute im Haus zu halten.
Ein zweites Beispiel der Website gehört ebenfalls hierher. Eine Pflegefachkraft, 51, deren Arbeit sinnvoll und körperlich nicht dauerhaft tragbar ist, testet Patientenberatung und Schulung mit einem Kompetenzprofil und einer Hospitation im Bildungsbereich. Sie bleibt im Gesundheitswesen und wechselt die Rolle. Wie der gesamte Ablauf von der Standortbestimmung bis zum Übergangsplan aussieht, hat Wirtschaftspuls Bayern in einem Beitrag über Zweitkarriere und die vier Schritte mit Daniel Gerlach zusammengefasst.
Die Portfolio-Karriere
Portfolio-Karriere heißt, das Einkommen aus mehreren Tätigkeiten zusammenzusetzen. Eine reduzierte Anstellung wird zum Beispiel mit Lehraufträgen, Projektarbeit oder einer kleinen Beratungstätigkeit kombiniert. Der Begriff kommt aus dem englischen Sprachraum, in Deutschland kennen das Modell vor allem Freiberufler und Kreative.
Für Menschen mit langer Berufserfahrung hat es zwei Vorzüge. Der eine ist Sicherheit, denn ein Teil des Einkommens kommt weiter aus der festen Stelle. Der andere ist Abwechslung. Wer nach zwanzig Jahren im selben Feld Lust auf Neues hat, findet frische Energie, wenn zwei Tage pro Woche etwas anderes auf dem Programm steht. Auf der Website beschreibt Gerlach das als erste Ausgangslage: Der Job ist sicher, doch die Energie fehlt, und man will weder alles hinwerfen noch fünf Jahre warten.
Die Portfolio-Karriere ist auch ein Übergangsmodell. Manche bleiben dauerhaft dabei, andere nutzen sie, um die neue Tätigkeit wachsen zu lassen, bis sie allein trägt.
Die Selbstständigkeit
Die vierte Form ist die bekannteste und bietet die größte Freiheit. Sie passt zu Menschen, die unternehmerisch denken, gern selbst entscheiden und ein Angebot haben, für das es zahlende Kunden gibt. Ob das der Fall ist, lässt sich vorab prüfen. Erste Kundengespräche, ein Pilotauftrag oder ein kleines Projekt neben der Anstellung zeigen, ob jemand kauft.
Dass Gerlach die Selbstständigkeit als eine Möglichkeit von vieren behandelt und ihr keinen Vorrang gibt, fällt beim Lesen der Seite auf. Die Website sagt dazu, es komme darauf an, was zum Leben, zum Sicherheitsbedürfnis und zu den Stärken passt.
Wie die passende Form gefunden wird
Der Prozess bei Zweitkarriere heißt Wende-Kompass und hat vier Phasen. In Woche eins und zwei werden Erfahrung, Wünsche und Grenzen sortiert. In Woche drei und vier werden konkrete Optionen nach Sinn, Nachfrage, Lernweg und Alltagstauglichkeit verglichen, bis eine Richtung übrig bleibt. Von Woche fünf bis acht folgt die Erprobung mit Gesprächen, Mini-Projekten und Feedback. Ab Woche neun entsteht der Übergangsplan mit klaren Schritten, einem realistischen Zeitfenster und einem Sicherheitsnetz.
Einen Persönlichkeitstest, der am Ende einen Beruf ausgibt, gibt es laut Website ausdrücklich nicht. Die Richtung ergibt sich aus der Erfahrung der Person und aus dem, was am Arbeitsmarkt tatsächlich gefragt ist. Die meisten Schritte lassen sich in zwei festen Zeitfenstern pro Woche bearbeiten, also neben einer Vollzeitstelle.
Die Frage nach der Form hängt stark vom Alter und von den Verpflichtungen ab. Mit 45 und zwei Kindern wiegt das Sicherheitsbedürfnis schwerer als mit 30. Die Weserbergland-Nachrichten haben dazu einen lesenswerten Text veröffentlicht, der erklärt, warum die Zweitkarriere mit 40 oder 50 auf Erfahrung setzt und die bestehende Sicherheit so lange stehen lässt, bis das Neue trägt.
Klare Worte zum Einkommen
Zweitkarriere setzt beim Einkommen auf Ehrlichkeit. Auf der Website heißt es, seriöse Neuorientierung beginne nicht mit Einkommensversprechen, und das Ergebnis hänge von Ausgangslage, Ziel und Umsetzung ab. Ein weiterer Satz dort lautet sinngemäß, was man nicht versprechen könne, verspreche man nicht, und was sich klären lasse, kläre man gemeinsam.
Für wen das Angebot passt, beschreibt die Seite ebenfalls. Gemeint sind Menschen, die ihren Wechsel bewusst gestalten wollen, die ehrlich auf Stärken und Grenzen schauen, die jede Woche verlässlich Zeit reservieren können und die eine tragfähige Richtung einer Abkürzung vorziehen.
Das Orientierungsgespräch
Der Einstieg ist ein Gespräch von rund 30 Minuten mit Daniel Gerlach, unverbindlich und nach Angabe der Website ohne Verkaufsdruck. Es geht um die Situation, das gewünschte Ziel und mögliche Hindernisse. Danach wissen beide Seiten, ob der Ansatz passt.
Wer vor dem Gespräch überlegt, welche der vier Formen ihn am ehesten anspricht, hat schon einen brauchbaren Ausgangspunkt. Nötig ist das nicht, denn die Begleitung beginnt ohnehin mit einer Standortbestimmung. Befreiend ist in jedem Fall die Erkenntnis, dass ein beruflicher Neuanfang ohne Kündigung beginnen kann. Im Modell von Gerlach steht sie bei keiner der vier Formen am Anfang, und damit ist der erste Schritt für fast jeden machbar.
