Eine Entdeckung von weltweiter Bedeutung
Ein winziges Tier mit bärenstarken Fähigkeiten sorgt für Aufsehen: Im Nationalpark Schwarzwald haben Wissenschaftlerinnen der Universität Stuttgart gemeinsam mit Kolleginnen eine völlig neue Bärtierchen-Art entdeckt. Sie trägt den Namen Ramazzottius kretschmanni – zu Ehren von Ministerpräsident Winfried Kretschmann, der die Entdeckung im Nationalparkzentrum am Ruhestein persönlich vorgestellt bekam. Mit dieser Namensgebung würdigen die Forschenden Kretschmanns langjähriges Engagement für Naturschutz, Biodiversität und die Einrichtung des Nationalparks.
Ministerpräsident zeigt sich geehrt
„Ich freue mich sehr über diese Ehrung. Der Nationalpark liegt mir wie alle Schutzgebiete besonders am Herzen. Und der Erhalt der Artenvielfalt gehört zu den wichtigsten Aufgaben, die wir als Menschheit haben“, erklärte Kretschmann bei der Präsentation. Besonders für ihn als Biologen sei es eine große Ehre, in der Nomenklatur der biologischen Arten verewigt zu sein. „Jedes Lebewesen ist wichtig für unseren Planeten – und sei es noch so klein. Bärtierchen gibt es schon viel länger als uns Menschen, und sie überleben extreme Umweltbedingungen. Damit sind sie echte Wunderwesen der Natur.“
Winzige Überlebenskünstler mit Superkräften
Bärtierchen – auch Tardigraden genannt – gehören zu den faszinierendsten Lebewesen der Erde. Sie sind die einzigen bisher bekannten mehrzelligen Organismen, die selbst einen Weltraumflug ohne Schutzanzug überstehen konnten und sich anschließend auf der Erde normal vermehrten. Möglich macht dies ihre erstaunliche Fähigkeit, sich bei extremer Hitze, Kälte oder Trockenheit zu einem winzigen „Tönnchen“ zusammenzurollen, in dem ihr Stoffwechsel fast vollständig zum Erliegen kommt. In diesem Zustand überleben sie Temperaturen von +100 °C ebenso wie –200 °C – und können jahrzehntelang inaktiv bleiben, um dann innerhalb von nur 30 Minuten wieder „aufzuwachen“.
Forschungsschwerpunkt im Nationalpark Schwarzwald
Seit 2016 ist die Erforschung von Bärtierchen ein zentraler Bestandteil der Biodiversitätsprojekte im Nationalpark. Prof. Ralph Schill vom Institut für Biomaterialien und biomolekulare Systeme der Universität Stuttgart gilt als einer der weltweit führenden Experten auf diesem Gebiet. Gemeinsam mit Prof. Roberto Guidetti von der Universität Modena gelang es seinem Team, die neue Art zu identifizieren und wissenschaftlich zu beschreiben. „Bisher konnten wir im Nationalpark 28 Arten nachweisen – darunter eine, die erstmals in Deutschland gefunden wurde, und nun sogar diese ganz neue Art“, betont Schill.
Einzigartige Merkmale von Ramazzottius kretschmanni
Die Tiere sind nur rund 400 Mikrometer groß – also kleiner als ein halber Millimeter – und besitzen eine auffällige rötlich-beige Färbung, die sie von anderen Bärtierchen unterscheidet. Auch ihre Klauen an den acht winzigen Beinen sind einzigartig in Form und Anordnung. Bemerkenswert ist zudem, dass die Tiere nicht nur in Moosen am Boden, sondern auch in den Baumkronen des Bannwaldgebiets Wilder See nachgewiesen wurden. Da sie nicht aktiv klettern können, nutzen sie Wind oder werden durch Vögel in luftige Höhen transportiert. Ihre winzigen Eier, die wie kleine Himbeeren aussehen, werden einzeln in der Moosstruktur abgelegt.
Bedeutung für den Naturschutz und die Wissenschaft
Mit der Entdeckung von Ramazzottius kretschmanni steigt die Zahl der bekannten Bärtierchenarten in Deutschland auf 99 – davon leben 80 allein in Baden-Württemberg. Weltweit sind derzeit knapp 1500 Arten beschrieben, und Schill ist überzeugt, dass noch viele unentdeckte Arten existieren. „Wir kennen viele Puzzleteile, doch das Gesamtbild fehlt. Es wird noch Jahrzehnte dauern – wenn wir es überhaupt schaffen –, bis wir verstehen, warum Bärtierchen ihr biologisches Altern stoppen und ihr Leben quasi einfrieren können“, so der Zoologe. Ihre Erforschung trägt nicht nur zum Artenschutz bei, sondern könnte auch der Medizin und Raumfahrt wichtige Impulse geben – etwa für die Konservierung von Zellen oder das Überleben unter extremen Bedingungen.
