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Baden-Württembergs Handwerk zählt 145.266 Betriebe. Das ist ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr, erstmals seit längerer Zeit. Doch die Zahl verdeckt ernste Probleme.
Mehr Betriebe, aber nicht mehr von allem
Der Zuwachs bei der Gesamtzahl der Betriebe geht vor allem auf neue, oft kleinteilige Gewerke zurück. Klassische Handwerksberufe verlieren weiter an Boden. Der Rückgang verlangsamt sich zwar im Vergleich zum Vorjahr, ist aber nicht verschwunden.
Viele traditionelle Handwerksbetriebe finden keinen Nachfolger. Inhaber gehen in Rente, der Betrieb schließt. Neue Gründungen entstehen häufiger in Bereichen wie Gebäudetechnik, Digitalisierungsdienstleistungen oder Fahrzeugtechnik. Das verschiebt das Bild der Branche deutlich.
Umsatz gibt nach, Beschäftigung ebenfalls
Die Wirtschaftslage ist angespannt. Im zulassungspflichtigen Handwerk in Deutschland sank der Umsatz im zweiten Quartal 2026 um 1,4 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum. Die Zahl der Beschäftigten lag Ende Juni 2026 um 1,9 Prozent unter dem Vorjahreswert.
Diese Zahlen treffen auch Baden-Württemberg. Der Südwesten ist einer der stärksten Handwerksstandorte in Deutschland, aber nicht immun gegen den bundesweiten Trend.
Fachkräftemangel bleibt das drängendste Problem
Das größte strukturelle Problem des Handwerks ist der Fachkräftemangel. Bundesweit dauert es im Schnitt 242 Tage, bis eine offene Stelle in einem typischen Handwerksberuf besetzt ist, also mehr als acht Monate.
Die Bundesagentur für Arbeit erfasst Handwerksberufe nicht gesondert in ihrer Statistik, hat aber ein Aggregat typischer Handwerksberufe gebildet. Dieses zeigt: Der Arbeitsmarkt im Handwerk ist besonders angespannt. Die Nachfrage nach Fachkräften übersteigt das Angebot deutlich.
Ältere Beschäftigte federn diesen Mangel derzeit noch ab, doch dieser Puffer schrumpft. In den nächsten Jahren gehen viele erfahrene Handwerker in Rente. Wer diese Lücken füllen soll, ist vielerorts unklar.
Ausbildung zeigt positive Signale
Im ersten Halbjahr 2026 stiegen die neu abgeschlossenen Ausbildungsverträge im deutschen Handwerk um 4,9 Prozent. Knapp 67.800 Verträge wurden in diesem Zeitraum unterzeichnet.
Ob das ausreicht, den strukturellen Fachkräftemangel zu mildern, bleibt offen. Ausbildung braucht Zeit. Bis neue Fachkräfte vollständig einsatzbereit sind, vergehen mehrere Jahre.
Der Tag des Handwerks am 19. September 2026 steht unter dem Motto „Wir machen Karriere mit Gefühl“. Die Kampagne betont Teamgeist und Gemeinschaft. Die Handwerkskammer Ulm hebt hervor: Betriebe sind Motor der regionalen Wirtschaft und sichern die Versorgung vor Ort.
Stabilitätsfaktor unter Druck
Das Handwerk gilt als Stabilitätsfaktor des Mittelstands. In Baden-Württemberg ist diese Rolle besonders ausgeprägt. Der Spitzenverband Handwerk BW bezeichnet die Branche als „Wirtschaftsmacht von nebenan“. Diese Rolle steht aber unter Druck.
Steigende Energiekosten, schwache Baukonjunktur und sinkende Konsumnachfrage belasten viele Betriebe. Kleine Handwerksunternehmen haben weniger Puffer als Großkonzerne und spüren jede Schwächephase unmittelbarer.
Zahlen allein erzählen nicht die ganze Geschichte
145.266 Betriebe klingt nach Stärke, und das ist es auch, in gewissem Maß. Doch dahinter steckt ein Strukturwandel: Klassische Gewerke verlieren, neue Bereiche wachsen. Umsatz und Beschäftigung geben nach. Fachkräfte fehlen.
Das Handwerk braucht mehr als positive Betriebszahlen: Nachwuchs, wettbewerbsfähige Löhne und verlässliche Rahmenbedingungen. Der Anstieg bei den Ausbildungsverträgen ist ein Schritt in die richtige Richtung. Mehr nicht.
